Lieber Leser, liebe Leserin!
Im Oktober des Jahres 2003 fand mein Leben, wie ich es bisher kannte, ein plötzliches Ende. Ich hatte monatelang bis zu 80 Stunden in der Woche gearbeitet, war vom Elternhaus in eine eigene Wohnung übersiedelt und unterhielt eine lockere Beziehung zu einem Mädchen. Man kann die Phase als ziemlich stressig charakterisieren und ich hatte sehr wenig Zeit für mich selbst, meine Familie oder meine engsten Freunde. Ich stand also ständig unter Strom und es war unmöglich für mich am Abend zu entspannen oder "runter zu kommen" ohne ein paar Joints zu rauchen. Langsam schlichen sich Symptome wie Größenwahn leichte Verfolgungs- und Beobachtungsideen ein, die ich aber in meinem ständigen Rauschzustand nicht als solche erkannte.
Am 31. Oktober kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung am Arbeitsplatz und plötzlich öffnete sich ein Fenster zu einem Teil meines Bewusstseins, den ich zuvor nicht kannte. Meine Sinneswahrnehmung war völlig gestört. Ich weinte bitterlich, hatte extreme Schuldgefühle weil ich mich als schlechten Menschen erkannte und konnte mich nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren. Ich ging in meine Wohnung und versuchte alle meine Freunde zu erreichen um sie zum Kampf gegen das Böse aufzurufen. Ich sagte ihnen, dass ich sie liebte und ich ihre Hilfe gegen die bösen Geister brauchte. Natürlich fragten sie sich was mit mir los sei oder welche Droge ich diesmal erwischt hatte. Schließlich überzeugte mich ein Freund meine Eltern anzurufen, die mich schnell abholten und ins Elternhaus brachten. Ich redete die ganze Nacht von den Geheimnissen des Universums und auch in den folgenden Tagen waren die Liebe, Ursache und Wirkung, Gott und die bösen Mächte, gute und böse Menschen die Themen mit denen ich nicht fertig wurde. Meine Eltern glaubten ich sei in einem Rauschzustand der sich legen würde und führten mich zu einem psychiatrischen Notdienst wo mir der Arzt Schlaftabletten verschrieb. Einige Tage später, die Symptome wurden immer schlimmer, brachten mich meine Eltern zu einem Psychiater der bei mir paranoide Psychose diagnostizierte und mir starke Medikamente verordnete. Er hielt es für das Beste bei meiner Familie zu wohnen und ambulant in seiner Praxis behandelt zu werden. Die Medikamente dämpften mich stark aber konnten mich nicht heilen. Ich spürte einen starken Energieverlust beim Ankämpfen gegen diese Krankheit aber konnte mich aus meiner psychotischen Welt nicht befreien. So kam es, dass ich am 16. Dezember in der Baumgartner Höhe aufgenommen wurde wo ich aber auch keine Hilfe fand. Ich bekam nur noch mehr Medikamente.
Ich verließ das Krankenhaus und obwohl ich nicht in der Lage war für mich zu kochen oder Einkäufe zu erledigen zog ich wieder in meine Wohnung wo ich beschloss meinem Leben ein Ende zu bereiten. Nach der Entgiftung im Wilhelminen Spital wurde ich im AKH aufgenommen wo ich andere Medikamente bekam. Langsam verschwanden die Symptome der Psychose ich fühlte aber eine unerträgliche Leere, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Ich betrachtete meine Mitmenschen mit Neid, weil sie alles machen konnten und ich nur ein armer Irrer war. Ich hatte kein Selbstwertgefühl, hasste mein Leben und verbrachte den Tag mit Schlafen. Da die Therapie bei mir nicht anschlug beschlossen die Ärzte nach 8 Monaten Behandlung mich in eine therapeutische Wohngemeinschaft zu stecken, wo ich lernen sollte meine Krankheit zu akzeptieren und weiterzumachen. Dort zog ich mich zurück und flüchtete mich in eine Welt aus Schlafen und Fernsehen. Ich unterhielt keine sozialen Kontakte zu meinen Mitbewohnern und vermied Gespräche und Therapien so gut es ging. Mein Leben war gelaufen.
Im Januar 2005 kam ich zum ersten Mal zu Herrn Ketabi. Ich betrachtete es als meine letzte Chance wieder ein normales Leben zu führen und die Krankheit zu überwinden. Ich war bereit alles zu tun was mir empfohlen wurde und verließ voller Hoffnung die Praxis. Nach kurzer Zeit verspürte ich wieder Energie in meinem Körper und verwendete die neu gefundene Kraft um Schritte in Richtung Gesundheit zu setzen. Ich begann mehr über meine Probleme zu reden, suchte wieder soziale Kontakte, setze konstruktive Aktivitäten an und übernahm mehr Pflichten im Haushalt. Ich begann mich wieder auf meinen Tag zu freuen weil ich jeden Tag ein wenig gesünder wurde und nahm, wieder Tätigkeiten auf, die mir früher einmal Spaß gemacht hatten. Mein Psychiater stellte bald eine deutliche Besserung fest und setzte meine Medikation immer weiter herunter. Nach einiger Zeit begann ich wieder Auto zu fahren da meine Konzentration und meine Stimmung sowie mein Antrieb fast normal wurden. Ich organisierte eine große Party und lud Freunde, die ich im letzten Jahr nicht sehen wollte ein um ein starkes Lebenszeichen von mir abzugeben. Alle waren erleichtert und hoch erfreut, dass es mir wieder besser ging.
Im Herbst möchte ich wieder arbeiten und im Februar habe ich vor weiter zu studieren um später mein Leben denen widmen zu können die auch an einer seelischen Krankheit leiden oder gelitten haben. Ich bin Herrn Ketabi sehr dankbar und bin froh ihn als Freund der Familie betrachten zu können. Ohne ihn hätte ich das niemals alles geschafft.